Imagetanz setzt auf Barrierefreiheit
Im brut nordwest geht sichtlich eine Ära zu Ende. Bevor das Koproduktionshaus aus der Zwischennutzung am Wiener Nordwestbahnhof auszieht und Kira Kirsch nach elf Jahren als Intendantin im Sommer an Tomasz Kireńczuk übergibt, wurde die Programmvorstellung des "imagetanz"-Festivals am Mittwoch auch für eine nostalgische Rückschau genutzt. Schwierig ist die Zukunft: Die Kosten für die im Herbst 2027 eröffnende neue Spielstätte in Neu Marx stiegen von 6,9 Mio. auf 15,3 Mio. Euro.
Bei den im ersten Corona-Jahr 2020 bekannt gegebenen Projektkosten der Sanierung des ehemaligen Bankgebäudes habe es sich über eine "Schätzung am Anfang" gehandelt, erläuterte die Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) auf eine entsprechende Frage der APA. Die Kostensteigerung sei vor allem den Auflagen des Denkmalschutzes geschuldet, die vergangenen Jahre beschrieb die Politikerin als eine Abfolge aus Einreichungen, Ablehnungen und Neuplanungen. So habe etwa eine geplante Installation der Betriebsanlagen auf dem Dach für Probleme gesorgt. Über den nunmehrigen Betrag von 15,3 Mio. Euro, der einer Kostensteigerung von über 120 Prozent gleichkommt, gibt es einen gültigen Gemeinderatsbeschluss, der Zeitplan für die Eröffnung in eineinhalb Jahren soll halten.
Die Finanzierung für die Sanierung des Hauses, das im Eigentum der Stadt steht, kommt jedenfalls nicht aus dem Kulturbudget. "Wir fördern keine Steine, sondern Menschen", so Kaup-Hasler, die sich zufrieden zeigte, dass es ihr im Finanzressort geglückt sei, zusätzliche Gelder zu lukrieren. Nachsatz: "Dieser Kampf wäre heute wesentlich schwieriger", so die Stadträtin in Hinblick auf die aktuellen Sparmaßnahmen. Diese treffen das brut übrigens nicht, die Dotierung von 2 Mio. Euro pro Jahr habe gehalten werden können, bestätigte Stephanie Höltschl, kaufmännische Leiterin des brut.
"imagetanz" setzt im März auf biografische Arbeiten und Barrierefreiheit
Und während die Abbrucharbeiten am Nordwestbahnhof bereits fortgeschritten sind, dreht das brut in den kommenden Monaten noch einmal auf. Das "imagetanz"-Festival bespielt unter dem Motto "Finally, it performs back" neben dem brut nordwest von 4. bis 28. März u.a. auch das studio brut in der Zieglergasse und das WUK. Eröffnet wird der Reigen am 4. März am Nordwestbahnhof mit "Biofuck" des Tanzkollektivs LIFT, wobei "nichtlineare Biografien jenseits normativer Vorstellungen" verhandelt werden sollen, wie Liv Schellander bei der Pressekonferenz erläuterte. Im Rahmen der Schiene "brut barrierefrei" richtet sich die Österreichische Erstaufführung an blinde, taube und neurodivergente Menschen "und alle, die interessiert sind zu erleben, was mit Ästhetiken des Zugangs möglich ist".
Ebenfalls biografisch inspiriert ist das Tanzsolo "ruins of a shell" von Cat Jimenez, das sich mit Trauer auseinandersetzt (Premiere am 10. März im studio brut). Ein "vibrierendes Körperkonzert für Menschen jeglichen Sehvermögens" bringt tanz.sucht.theater ab 19. März mit "Buzz" auf die Bühne im brut nordwest, "weibliche Nebenfiguren" stehen im Fokus der Performance "B-Movies" von Carolina Cappelli (ab 23. März im studio brut). Zwei ungarische Positionen gibt es schließlich am 27. und 28. März mit dem Tanzsolo "rascal" von gergő d. farkas im brut nordwest sowie "unseen" von Viktor Szeri im WUK.
Neues von DARUM und Nesterval, große Abschluss-Performance im Juni
Zu den Highlights von April bis Juni zählt etwa ein neues Mixed-Reality-Projekt des jüngst zum Berliner Theatertreffen eingeladenen und mit einem Nestroy-Preis gekürten Duos DARUM (Victoria Halper und Kai Krösche). Unter dem Titel "Auflösung" begeht man im brut nordwest einen "(virtuellen) Kontrollverlust" und widmet sich dem Umgang mit Pflegebedürftigen im Angesicht eines zunehmenden Pflegenotstands. Premiere ist am 23. April. Mit "Donaugold" gibt es ab 17. Mai eine neue Arbeit von Nesterval zu erleben, diesmal entführt das Kollektiv mit seinem immersiven Theater ins Jahr 2044, wo der "Zweite Wiener Wasserkrieg" herrscht.
Das große Finale findet dann ab 10. Juni statt. Im Rahmen von "A Place That Won't Stay" verabschiedet man sich vor dem Auszug und Abbruch von der Spielstätte. Die ortsspezifische Performance-Installation "For now" der Choreografin Karin Pauer und des bildenden Künstlers Aldo Giannotti wird dabei anhand eines "Wandbildes in progress" gemeinsam mit Performer:innen und Musiker:innen über Abschiede und gesteigerte Aufmerksamkeit reflektieren. Am 12. Juni lädt man am Tag vor der Regenbogenparade unter dem Motto "Unmute yourself" zum "Queereeoké", am Samstag ist dann mit der Party "Brut Hard Soft Kissen (After Pride Edition)" endgültig Schluss. (apa)
Bild: Biofuck /Lift Tanzkollektiv