Wiener Mafia-Mord: Verdächtiger von Zielfahndern in Italien gefasst
Mehr als sieben Jahre nach einem Mafia-Mord am Lugeck in der Wiener Innenstadt ist ein Mann aus Montenegro in Italien von österreichischen Zielfahndern ausgeforscht und von einer Spezialeinheit festgenommen worden, berichtete das Bundeskriminalamt am Dienstag. Am 21. Dezember 2018 soll der 33-Jährige einen 32-Jährigen an der Ecke Lugeck/Wollzeile erschossen haben, ein 23-Jähriger wurde schwer verletzt. Die Tat war Teil einer blutigen Fehde zwischen kriminellen Drogen-Clans.
Bei der Schießerei war der 32-jährige montenegrinische Staatsbürger Vladimir R. nach dem Verlassen eines Lokals am Lugeck regelrecht hingerichtet worden. Hintergrund der blutigen Fehde soll ein Streit um Drogengeschäfte gewesen sein. Am 11. Mai 2026 wurde der 33-jährige montenegrinische Staatsbürger Mili B. in Rimini an der italienischen Adriaküste von italienischen Sicherheitsbehörden festgenommen. Die Festnahme erfolgte aufgrund eines von der Staatsanwaltschaft Wien erwirkten Europäischen Haftbefehls sowie einer internationalen Festnahmeanordnung wegen des Verdachts des Verbrechens des Mordes sowie versuchten Mordes, informierte das Bundeskriminalamt.
"Die Festnahme des Tatverdächtigen ist ein bedeutender Erfolg im Kampf gegen die organisierte Kriminalität. Besonders die enge Zusammenarbeit zwischen der Ermittlungsgruppe 'AG Achilles', der Zielfahndung des Bundeskriminalamtes und unseren internationalen Partnerdienststellen war für diesen Fahndungserfolg entscheidend", betonte Andreas Holzer, Direktor des Bundeskriminalamtes, in einer Aussendung.
Mehrere Schüsse in der Wiener Innenstadt
Das spätere Opfer, Vladimir R., soll dem sogenannten Kavač-Clan zugerechnet worden sein. Der nun festgenommene Verdächtige Mili B. wird laut Ermittlern dem rivalisierenden Škaljari-Clan zugerechnet. Hintergrund der jahrelangen gewaltsamen Auseinandersetzungen soll ein Streit um rund 200 Kilogramm Kokain gewesen sein, die Ende 2014 aus einem Versteck im spanischen Valencia verschwunden sein sollen. Seither kam es in Montenegro, Serbien, Spanien und anderen Ländern zu zahlreichen Tötungen. 80 Morde sollen europaweit auf das Konto der Clans gehen.
Die Schüsse am Lugeck hatten kurz vor Weihnachten 2018 international für Aufsehen gesorgt. Der 32-Jährige hatte gemeinsam mit dem 23-Jährigen und einem 29 Jahre alten Serben im Wiener Traditionsgasthaus Figlmüller am Lugeck in der Innenstadt gespeist. Als sie gegen 13.30 Uhr das Lokal verließen, trat ihnen der bewaffnete Mann gegenüber und gab laut Polizei mehrere Schüsse auf die drei Männer ab. Anschließend flüchtete der Schütze zu Fuß.
Der schwer verletzte 23-Jährige soll laut früheren Ermittlungen ein Sohn eines einstigen Mafia-Bosses aus der serbischen Stadt Novi Sad sein. Sowohl sein Vater als auch sein Bruder kamen bereits in früheren Mordanschlägen in Novi Sad beziehungsweise Belgrad ums Leben.
Zielfahnder übernahmen 2023
Die Zielfahnder des Bundeskriminalamtes übernahmen 2023 die internationale Suche nach Mili B. Zusätzlich wurde der Mann von den montenegrinischen Behörden wegen des Verdachts des Suchtgifthandels und der Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation per "Red Notice" gesucht. In den vergangenen Jahren liefen umfangreiche Ermittlungen im In- und Ausland. Besondere Bedeutung kam laut Bundeskriminalamt dem europäischen Fahndungsnetzwerk ENFAST (European Network of Fugitive Active Search Teams) zu. Die österreichischen Ermittler arbeiteten dabei eng mit Fahndungseinheiten aus Montenegro, Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Slowenien, Deutschland und Italien zusammen.
Im Zuge der mehrjährigen Ermittlungen verdichteten sich zuletzt Hinweise, dass sich der Gesuchte in Rimini aufhält. Schließlich konnte sein konkreter Aufenthaltsort ausgeforscht werden. Am Montagnachmittag erfolgte schließlich die Festnahme durch die italienische Spezialeinheit "Squadra Mobile". Beamte von FAST Italien sowie österreichische Zielfahnder waren dabei eingebunden.
Der zunächst als Mittäter verdächtigte 29-jährige Serbe wurde im Sommer 2019 zu 24 Monaten wegen schwerer Körperverletzung, falscher Beweisaussage und Gebrauchs fremder Ausweise verurteilt. Er soll in der U-Haft in der Justizanstalt Josefstadt auf einen Mithäftling eingeschlagen und diesen schwer verletzt haben. Gegenüber der Polizei hatte er zunächst angegeben, die beiden Männer, denen das Attentat beim Durchgang beim Lugeck Richtung Wollzeile gegolten hat, nicht zu kennen. Denn in seiner Heimat wurde er wegen einer offenen Haftstrafe und weiterer Ermittlungen bereits gesucht. Darum wies er sich gegenüber der Wiener Polizei auch mit falschen Papieren aus. Vor Gericht gestand er schließlich, dass er mit den Männern befreundet war.
Wien immer wieder Schauplatz der Clans
Wien ist immer wieder Schauplatz der Fehde zwischen den beiden verfeindeten Clans. Erst vor rund einem Jahr gab es am Wiener Straflandesgericht einen Freispruch in einem Mordversuchsprozess. Laut Anklage soll ein 29-jähriger mutmaßlicher Angehöriger des serbisch-montenegrinischen Škaljari-Clans im März 2020 in Wien-Ottakring in ein Mordkomplott gegen ein mutmaßliches Mitglied des rivalisierenden Kavač-Clans eingebunden gewesen sein. Geplant gewesen sei, einen 57-Jährigen vor beziehungsweise in einem Lokal in der Koppstraße erschießen zu lassen. Der 29-Jährige soll dafür Observationen durchgeführt sowie Informationen über Aussehen, Kleidung und Begleiter der Zielperson an zwei aus Kolumbien eingeflogene Auftragskiller weitergegeben haben. Das Vorhaben scheiterte laut Staatsanwaltschaft letztlich an Kommunikationsproblemen und verzögerten Übersetzungen zwischen den spanischsprachigen Auftragsmördern und den serbischsprachigen Beteiligten.
Sechs der acht Geschworenen kamen jedoch zum Schluss, dass das Mordkomplott das strafrechtliche Versuchsstadium nicht erreicht habe. Der 29-Jährige wurde daher lediglich wegen Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung zu drei Jahren unbedingter Haft verurteilt - der Höchststrafe in diesem Strafrahmen. Der Prozess fand unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen statt. Belastet wurde der Angeklagte vor allem durch entschlüsselte Chats mafiöser Kryptohandys, deren Verwendung das Gericht für zulässig erklärte.
Operation "Achilles" gewährte Ermittlern Einblick
Diese Chats wurden von den Ermittlern der Operation "Achilles" seit 2021 ausgewertet. Die Nachrichten gewährten vor allem tiefe Einblicke in Strukturen und Abläufe der mafiösen Organisationen. Es folgten teils spektakulären Festnahmen - zum Beispiel von "Dexter", einem in Wien lebenden Statthalter des montenegrinischen Kavac-Clans, der auch für zahlreiche Morde verantwortlich sein soll. Der Mafia-Pate Dario D. hat hierzulande wegen Drogenhandels eine lebenslange Haftstrafe ausgefasst. Im März 2025 verwarf ein Drei-Richter-Senat des Wiener Oberlandesgerichts (OLG) die Strafberufung gegen das Ersturteil, nachdem der Schuldspruch zuvor bereits vom Obersten Gerichtshof (OGH) bestätigt wurde.
Laut Urteil hatte "Dexter" als führendes Mitglied eines montenegrinischen Mafia-Clans zwischen 2020 und 2021 in Wien hunderte Kilogramm Kokain, Heroin und Cannabis in Umlauf gebracht sowie weitere Drogenschmuggelfahrten organisiert. Das Gericht verwies in der Strafbegründung auf die enorme Suchtgiftmenge, zahlreiche einschlägige Vorstrafen des Angeklagten sowie dessen Einordnung in die "Schwerstkriminalität". In Serbien war er unter anderem wegen sogenannten schweren Mordes bereits zu 13 Jahren Haft verurteilt. (APA)