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Explizit, abstrakt und alles dazwischen: Sue Williams im Belvedere 21 Explizit, abstrakt und alles dazwischen: Sue Williams im Belvedere 21
Kunst

Explizit, abstrakt und alles dazwischen: Sue Williams im Belvedere 21

Ausstellungzeigt die radikalen comichaften Auseinandersetzungen mit sexualisierter Gewalt ebenso wie die abstrakten Gemälde voller expliziter Details
W24 Redaktion
Donnerstag, 19. Februar 2026
Verfasst vor 2 Stunden von W24 Redaktion

Vielen Besucherinnen und Besuchern der Ausstellung von Sue Williams im Belvedere 21 dürfte es zu Beginn ähnlich gehen wie Belvedere-Chefin Stella Rollig: Sie können erschüttert, vielleicht sogar schockiert werden. In den ersten Bildern wird sexuelle Gewalt in expliziten, comichaften Darstellungen thematisiert. "Try to be more accommodating" ("Versuche, etwas entgegenkommender zu sein") zeigt eine Frau, deren blutende Gesichtsöffnungen von vier Penissen penetriert werden.

Das Bild, das von zahlreichen ähnlichen Sujets begleitet wird, ist 1991 entstanden. 35 Jahre danach finde man ähnliche Beschreibungen in den Epstein-Files, meinte die Generaldirektorin am Donnerstag bei der Pressekonferenz zu der von Freitag bis 7. Juni laufenden Ausstellung. "Was sagt uns das? Dass sich strukturell nichts oder nicht viel geändert hat." Die Welt teile sich noch immer in eine männliche und eine weibliche Sphäre, deren Erfahrungen völlig unterschiedlich seien." Dies unmittelbar und ungeschminkt zu verdeutlichen, war von Anfang an ein Anliegen der 1954 in Chicago Heights, Illinois, geborenen US-Künstlerin, die 1997-99 als Gastprofessorin die Meisterklasse für gegenständliche Malerei an der Akademie der bildenden Künste Wien leitete und 1998 in der Neuen Galerie Graz und 2002 in der Wiener Secession mit Einzelausstellungen gewürdigt wurde.

Über 100 Werke aus allen Schaffensperioden

Die neue Personale, die vom Obergeschoss des Belvedere 21 aus Einblicke auf die im Erdgeschoss stehenden 55 überlebensgroßen und geisterhaften Figuren von Sandra Mujinga gibt, die unter diesem thematischen Gesichtspunkt mit zusätzlicher Bedeutung aufgeladen werden (25 Femizide gab es laut Polizeistatistik im vergangenen Jahr in Österreich), hat Kuratorin Luisa Ziaja chronologisch gehängt. Das ist diesmal besonders wichtig, weil sich die späteren scheinbar völlig abstrakten Werke nur als Teil einer im direkten Realismus begonnenen politischen und feministischen Kunst richtig lesen lassen. "Progression towards Abstraction", ein Acrylbild aus 1988, zeigt eine Frau, deren Augen mit roten Linien mit einem Pferdekopf verbunden sind. Daneben hängt das im Vorjahr entstandene Großformat "Present", mit dem Sue Williams mit einer Fülle comichafter Einzelfiguren wieder an ihre Anfänge zurückkehrt. Der Kreis schließt sich. "Dazwischen spielt sich alles ab, was wir versuchen nachzuzeichnen", so die Kuratorin, die in Zoom-Calls mit der Künstlerin über 100 Werke (Gemälde, Zeichnungen, Collagen und Skulpturen) aus allen Schaffensphasen ausgewählt hat.

Nach der "sehr harten, direkten Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt und Körperpolitiken" habe die Künstlerin Mitte der 1990er-Jahre ihre malerischen Strategien verändert und sich zunehmend gestisch-abstrakten Kompositionen gewidmet, ohne ihre Themen aufzugeben, sagte Ziaja: "Es sind von weitem ornamental wirkende abstrakte Gemälde, aus denen szenische Zusammenhänge immer wieder hervorblitzen." Mit diesem Vorwissen entdeckt man immer wieder Körperteile in unterschiedlichen Größenordnungen und Zusammenhängen. "Gedärme, Schließmuskeln und Schwellkörper jeglicher Spielart" (Ziaja) bringen eine spezielle Mischung aus Ästhetik, Gesellschaftskritik und Humor auf die Leinwände.

"ABOLISH ICE" als jüngstes Werk

Der Fall der Twin Towers an 9/11 und der daraufhin proklamierte "War on Terror" markierte einen der Brüche im Werk der in Brooklyn lebenden Künstlerin, die etwa in Farbexplosionen, dynamischen Linien und grotesken Figurationen auf die sich verändernden Verhältnisse reagierte. Auf die Frage, ob und wie sie in ihren jüngsten Werken auch auf die frauenverachtende Politik des gegenwärtigen US-Präsidenten reagiere, antwortete Sue Williams, dass die jungen Leute in den Sozialen Medien und auf der Straße ohnedies darauf antworteten - und damit schneller seien als die bildende Kunst. "Sie brauchen mich nicht wirklich." Aber Dinge wie die Epstein-Files raubten auch ihr den Atem.

Untätig ist sie freilich nicht. Das letzte Werk der Ausstellung wurde unmittelbar vor der Verschiffung der ausgesuchten Arbeiten nach Europa fertig. Die Collage zeigt das Gemälde einer idyllischen Gebirgslandschaft, in der Indianer ihre Tipis vor einem Wasserfall aufgebaut haben und hohe Berge am Horizont zu sehen sind. In den blauen Himmel darüber hat Sue Williams in großen, goldenen Lettern ihre Botschaft geklebt: "ABOLISH ICE". Womit sie am Ende eine mögliche Antwort auf jene Frage gibt, die sie für den Titel der Ausstellung gewählt hat: "What now?" (APA)

Bild: Johannes Stoll / Belvedere, Wien