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"Soziale Hängematte": Mythos Arbeitslosigkeit "Soziale Hängematte": Mythos Arbeitslosigkeit
Meinung

"Soziale Hängematte": Mythos Arbeitslosigkeit

Eine aktuelle Studie des SORA-Insituts räumt mit zahlreichen Vorurteilen rund um Arbeitslosigkeit auf.
Hannes Huss
Freitag, 11. Jänner 2019
Verfasst am 11.01.2019 von Hannes Huss

„Zuwanderung ins Sozialsystem“, Arbeitslose, die es sich in der „sozialen Hängematte gemütlich machen": Phrasen wie diese werden derzeit von der türkis-blauen Bundesregierung beinahe mantraartig täglich wiederholt. Auch bei der aktuellen Regierungsklausur in Mauerbach (NÖ), die am Freitag stattfindet, haben Bundeskanzler Sebastian Kurz und Vizekanzler Heinz-Christian Strache noch einmal explizit die Bundeshauptstadt in Beschuss genommen. In Wien würde nämlich die Zahl der Mindestsicherungsbezieher massiv steigen, so etwa Strache am Rande der Klausur.

Türkis-blau gegen Rot-grün: Das Match zwischen der Bundeskoalition und der Stadtregierung ist nach der Ankündigung von SPÖ-Sozialstadtrat Peter Hacker und der grünen Sozialsprecherin Birgit Hebein, das neue Mindessicherungsgesetz der Bundesregierung so sicherlich nicht umsetzen zu wollen, noch einmal härter geworden. W24-Redakteurin Vanessa Kogler hat darüber am Donnerstag ausführlich berichtet.

Bürgermeister Michael Ludwig zeigt sich dem aktuellen Gesetzesentwurf, dessen Begutachtungsfrist am Freitag endet, mehr als skeptisch gegenüber. Ludwig dazu: „Unsere Befürchtungen nach genauer Durchsicht des Gesetzesentwurfs zur Mindestsicherung haben sich bestätigt: In Wien würden 40.000 Kinder die Verlierer sein. Der Entwurf der Bundesregierung schafft Armut, statt sie zu bekämpfen. Und weil wir in Wien aufeinander schauen und niemanden zurücklassen, lehnen wir diesen Entwurf in dieser Form ab.“

Daraufhin hat Bundeskanzler Kurz scharf nachgelegt. „Ich glaube nicht, dass es eine gute Entwicklung ist, wenn immer weniger Menschen in der Früh aufstehen, um zu arbeiten, und in immer mehr Familien nur mehr die Kinder in der Früh aufstehen, um zur Schule zu gehen“ – mit dieser Aussage Kurz am Donnerstag allerorts für heftiges Aufsehen und zahlreiche Kritik gesorgt. Wien-Gesamt als „faul und träge“ darzustellen – das kam bei vielen definitiv nicht gut an.

Neue Studie entkräftigt viele Vorurteile

Was aber bedeutet es heute wirklich arbeitslos zu sein? Ruhen sich Mindestsicherungsbezieher wirklich in einer so genannten „sozialen Hängematte“ aus? Das SORA-Institut hat nun eine neue Studie im Auftrag der Arbeiterkammer veröffentlicht. Diese versucht, hartnäckig haltende Mythen zu entkräftigen. Befragt wurden etwa 500 Wienerinnen und Wiener, die im Jahr vor der Befragung zumindest phasenweise arbeitslos waren.

Für jeden fünften Befragten kam Arbeitslosigkeit extrem überraschend, für mehr als 40 Prozent der Befragten war es überhaupt das erste Mal, dass sie arbeitslos waren. Der Mythos, wonach Arbeitslosigkeit also nur Randgruppen oder Migranten treffen würde, wurde anhand des Ergebnisses entmystifiziert. So sind in den jüngsten Jahren auch immer mehr Menschen arbeitslos geworden, die vorher in mittleren Managementpositionen tätig waren.

Im Jahr 2008 – also dem Jahr vor der Wirtschaftskrise – gaben noch 60 Prozent aller im Job Unzufriedenen an, den Job wechseln zu wollen, mittlerweile sind es nach der weltweiten Finanzkrise um ein Drittel weniger, daher wird an bestehenden Jobs stärker festgehalten.

Psychische und physische Auswirkungen stark

Arbeitslosigkeit macht seelisch krank und wird als starke psychische Belastung empfunden – auch das ergibt sich aus den Resultaten der Studie. Mit Einbußen von bis zu 55 Prozent gegenüber dem früheren Gehalt hat Österreich etwa eine deutlich niedrigere Nettoersatzrate als Länder wie Norwegen oder die Schweiz.

Die Befragten gaben darüber hinaus im verstärkten Ausmaß an, dass die eigenen Ersparnisse aufgebraucht werden mussten, sofern Rücklagen überhaupt vorhanden waren. Die Folge: Die Schulden bei der Bank stiegen bei den meisten an, praktisch alle Betroffenen mussten im Alltag und im Haushalt einsparen, jeder sechste hat etwa bei der eigenen Gesundheit gespart oder bei der Bildung. Arbeitslosigkeit hat also laut der SORA-Studie massive und vielfältige Auswirkungen auf die Lebensrealitäten der Menschen, stärkere und mannigfaltigere, als es den meisten je bewusst ist. (hh)